Silvesternacht.

Ich stehe auf dem Balkon und der Schnee fällt herab. Wenige, dünne Fissel, wie Schnee halt hier so ist. Ich hasse Schnee. Ich hasse Silvester.

Ich stehe auf dem Balkon und es ist eiskalt und ich will nicht reingehen, weil ich im Moment dieses Gefühl brauche. Hier draußen zu stehen und zu frieren, um irgendwie abzuklären, bis ich mich nur noch auf das Frieren konzentrieren kann.

Ich stehe auf dem Balkon und die ersten Knaller und Raketen fliegen, die Luft riecht nach verbranntem Feuerwerk. Ich hasse Silvester. Ich weiß nicht, woran es liegt. Vielleicht war es schon immer so. Vielleicht aber auch nicht. Ich kann mich nicht erinnern.

Ich will sie nicht an mich heranlassen, diese allgemeine Erwartungshaltung, ich will weder die erzwungene Partystimmung noch die andererseits zur Disposition stehende innere Einkehr, denn beides macht mich fertig. Beides lauert in den Ecken der Wohnung hinter mir und draußen auf der Straße, überall, bereit, mich anzuspringen und zu überwältigen. Ich wehre mich durch Frieren.

Dass ein neues Jahr ein neues Leben, neue Chancen bedeutet, das suggeriert Silvester, neues Jahr neues Glück, und impliziert dabei subtil, dass man es also selbst vergeigt, wenn es nicht so kommt. Was ändert sich durch den Datumswechsel? Nichts. Denn die Menschen haben am 3. Januar ihre Vorsätze vergessen, weil sie sie nicht aus dem Herzen formuliert haben, sondern weil sie das Gefühl haben, das tun zu müssen. Das macht man Silvester so. Fundamentale Veränderungen im Leben werden in den seltensten Fällen aus Silvestervorsätzen geboren, und deswegen kotzt mich diese vibrierende, angestrengte Erwartungshaltung schon Tage vor Silvester an. Silvester ist ein Blender.

Ich stehe auf dem Balkon und friere, und mein Atem ist sichtbar in der Luft, und ich müsste reingehen, weil ich langsam anfange zu zittern. Aber ich will nicht reingehen, denn wenn ich das tue, dann wird es auf jeden Fall Mitternacht werden, und ich habe das diffuse und leicht durchgeknallte Gefühl, dass durch die Kälte draußen nicht nur ich, sondern auch die Zeit friert und langsamer läuft.

Drinnen ist die Stimmung schon leicht gekippt, jetzt, 20 Minuten vor dem Ereignis. Es ist viel zu warm, die Gäste sind viel zu laut. und nicht mehr nüchtern, irgendein Song tönt in einer Dauerschleife, das Buffet ist geplündert; Sofakissen sind auf den Boden gerutscht, es herrscht eine leicht… ja, desolate, aufgeheizte, fast schon hysterische Atmosphäre. Die Luft ist getränkt von nichtssagenden Gesprächsfetzen und sich überschlagendem Lachen, sie ist gesättigt mit Essensgerüchen, Alkoholnebel, Rauch und warmen Körpern, und es riecht so gar nicht nach einem neuen Leben, einem Beginn.

Und ich stehe auf dem Balkon und unter mir zieht sich eine dünne Schicht gefrorenen Schnees über den Rasen, auf der bereits Feuerwerksreste liegen, denn die Endzeitstimmung wird traditionell ja schon Tage vor Silvester eingeläutet. Sie liegen im Schnee wie bereits gestorbene Boten aus der Zukunft, und hinterlassen braune, ekelige Kriechspuren, als würden sie versuchen, davon zu robben. Vor dem alten Jahr, vor dem neuen Jahr, ich weiß es nicht.

Aber vielleicht passiert dieses Mal ja auch etwas Eigenartiges, eine Art schwarze Magie, und diese ganze seltsame Gesellschaft hinter mir und ich bleiben zwischen den Jahren stecken, in einem Niemandsland zwischen den Zeiten, zwischen den Jahren, und können uns nie wieder befreien; wir stecken fest in einer endlosen Schleife, in einer grauenhaften Silvesterschleife, verdammt in ewiger, unerfüllter Erwartung.

Die Kirchenglocken fangen an, das neue Jahr einzuläuten. Drinnen knallt ein Korken. Ich stehe auf  dem Balkon und auf meiner Hand schmilzt eine Schneeflocke.

Von Herzen alles Liebe, für heute, morgen und das ganze nächste Jahr, Eure Kitty.

Endzeit.

Nun geht es fast zuende, dieses Jahr, und es ist an der Zeit, mein Lebkuchengebettetes und Marzipanumwabertes Gehirn mal wieder an die frische Luft zu lassen. Und meine Finger aus den Süßigkeiten. Genauer gesagt, aus den Raffaellos, die ich zu jeder Gelegenheit bekomme, seit Oma mitbekommen hat, dass ich sie mag. Das Problem an der Sache ist, dass es die Dinger immer noch nicht als 25 cm-Riegel gibt, sondern nach wie vor, von hämischen Sadisten mit üblem Humor liebevoll verpackt, als lächerlich kleine Kugeln, die man einzeln auspacken muss. Und dann liegt auf dem Tisch ein riesiges Mahnmal aus Zellophan und Kokosbröseln, starrt mich anklagend an und schreit: „ Waagewaagewaage! Und Umwelt. Bäh.“.

Die Waage mobbt mich ohnehin um diese Zeit ganz extrem, deswegen schneide ich sie. Ich weiß ja, was sie zu den Raffaellos und den Bailey’s-Berlinern sagen würde, die sich irgendwie 1:1, Form und Fettanteil beibehaltend, auf meinen Hüften niedergelassen haben. Der Haselnussbrand von Heilig Abend hat sich da doch etwas gleichmäßiger verteilt.

Und jetzt sind sie da, diese Tage zwischen den Jahren – oder zwischen den Tagen oder wie auch immer es nun heißt. Immerhin weiß ich jetzt dank Google (wem auch sonst), warum man das so sagt. Weil sich irgendwelche machtbesessenen Herrscher, Päpste, Hofnarren nicht auf einen einzigen gültigen Kalender einigen konnten und somit etwas übrig blieb. Dazwischen. Wo sonst eigentlich nichts sein kann. So ähnlich muss die verdammte Sommer-/Winterzeit zustande gekommen sein.

Vielleicht finde ich die Zeit deshalb so unangenehm. Ich habe Endzeitstimmung. Es ist den ganzen Tag dunkel, die ersten Knaller knallen schon seit Tagen mit Knallern, die Menschen sind anders als sonst (oder vielleicht bin auch nur ich es), und dann droht morgen Silvester. Dieses ominöse Datum, auf das man ab Weihnachten unweigerlich und ferngesteuert zufliegt.

Dabei ist das Weihnachtsfest in meiner Familie noch sehr gemütlich und lustig. Nach einem besinnlichen Advent mit tausend Einkäufen, Terminen, Vorbereitungen und dem einen oder anderen Antistress-Glühwein findet sich die Familie nach gutem Essen und mit erschöpfter Gastgeberin unter dem Baum wieder und würfelt um die Geschenke. Auch dieses Jahr; ein großes Hallo. Der Abend nahm eine unumkehrbare Wendung in Richtung des besagten Haselnussbrandes, als sie – die Gastgeberin – ein Überraschungsgeschenk von Schwiegermama auspackte und nach dem Entfernen von zehn verschiedenen Verpackungen eine Kokosnuss vorfand. Ich hab noch immer Bauchweh vor Lachen.

Liegt aber vielleicht auch am ersten Weihnachtstag. Familienkaffee. Eine enge Blutsverwandte, die ich lieber nicht namentlich nenne, weil sie stets mit Enterbung droht, erzählt von einem TV-Bericht: irgendwo gibt es ein Dorf, in dem einmal im Jahr ein „Nacktradeln“ stattfindet. Der ganze Ort schwingt sich im Adamskostüm auf wild designte Räder. Es wird gefilmt und gepostet, was das Zeug hält.

Ihr Beitrag endet hier. Und Onkel Edo, dessen Hörkraft nicht mehr optimal ist, fragt: „Und wie warm war nu das Wasser?“  Loriot ist zurück. In meiner Familie, als Drehbuchautor. Willkommen. 🙂 Ich glaube, er dürfte sich wohlfühlen.

An Silvester habe ich schon fast alles durch. Von Skiurlaub (das war gut, bis zu der Sache mit dem Schneemann) über Riesenparties bis hin zu „gemütlichen“ Pärchen-/Zuhause ist es schön-/“toll, dass ihr zu uns kommt, wir können ja wegen der Kleinen nicht…“-/Fondue-/Raclette-/Bleigießen-/Tischfeuerwerk-Abenden.

Irgendwie endet es, mit leichten Abwandlungen je nach Konstellation, s.o., immer ähnlich. Um Mitternacht herum – gekoppelt an den Alkoholkonsum manchmal auch etwas eher – kippt die Stimmung. Entweder sind alle vollgefressen und stocknüchtern (die einen wegen der Kinder, die Gäste aus Loyalität), keiner weiß mehr, wer beim Monopoly/Uno/Tabu dran ist und das Gastpärchen ist entnervt, weil es um 0.05 kein Taxi findet, um endlich nach Hause zu kommen. Oder halt die Partyvariante. Frank politisiert und polemisiert, Hannah findet ihre Schuhe nicht mehr, Tina hat einen Moralischen (ich sowieso), im Aquarium schwimmen drei Erdnussflips und in der Bowle ein Skalar, der morgen verkatert sein dürfte. Marcel knutscht mit Petra, weil er denkt, sie ist Maren, und als Maren das merkt, bricht die Hölle aus. Ralf bekommt die Badezimmertür von innen nicht mehr auf und weil ihn wegen des Theaters keiner hört, hat er mit dem Handy die Feuerwehr angerufen. Das ist gut, weil Mario und Carsten gerade beim Absinth-Zelebrieren den Esstisch in Brand gesetzt haben.

Na dann. Auf in den Kampf 2015/16. Kommt gut rein, und tut nichts, was ich nicht auch tun würde.

Und Finger weg von Absinth. 🙂

Alles Liebe, Eure Kitty

Chaos.

Manchmal glaube ich, dass ich vielleicht ein kleines bisschen…. chaotisch bin.

Der Gedanke kam mir heute Morgen – nicht zum ersten Mal -, als ich mich bei meinem Physiotherapeuten wieder angezogen hatte und mir die Haare mit einer Haarklemme zurücksteckte, die ich in meiner Handtasche verstaut hatte. So ein „Hauptsache, es geht schnell und ist praktisch“ – Monsterplastikpropeller, der ebenso wie Croqs in die Kategorie „bei Kauf geistig umnachtet“ fällt.

Beim Rausgehen machte es zunächst laut „plock plock“. Das kam daher, dass sich in meiner Tasche zwei lose Fisherman’s in der Spange verheddert hatten, die nun zur Freude der Patienten im offenen Wartezimmer herausgefallen waren. Während ich sie aufsammelte, machte die Mitarbeiterin am Tresen komische Geräusche. Ich drehte mich zu ihr um, sie konnte vor Lachen nicht sprechen und zeigte hinter mich. Da war nichts, aber irgendetwas fühlte sich komisch an. An der Spange baumelte ein Tampon.

Es ist ja nicht so, dass ich generell etwas unsortiert, lebensunfähig oder unkonzentriert bin. Ich bin zum Beispiel extrem gut bei „Black Box“, kann einwandfrei mit 240 km/h  durch ein Hochgeschwindigkeitsoval fahren (und sogar dabei loslassen 🙂 ) und bei einem Schießwettbewerb im vergangenen Jahr habe ich den ersten Preis gewonnen. Ich war „Chefredakteurin“ unserer Schülerzeitung, bis sie verboten wurde (sie hieß übrigens „Perplex“ – irgendwie hätte mir das vielleicht schon zu denken geben sollen). Meine äußerst engagiert, konzentriert und kreativ dargestellte Meerjungfrau beim „Activity“ ist legendär und der letzte Manager, den ich im Bewerbungsgespräch hatte, gab irgendwann auf und erklärte, ich würde auch wirklich gemeine Fragen stellen. Also, so völlig unstrukturiert bin ich nicht. Es sind halt eher so…… so….. Inselunbegabungen! Ja. So will ich das mal nennen.

Neben Ordnung in meiner ca. 1 m³ großen Handtasche gehören dazu noch einige weitere unwesentliche Lebensbereiche und damit zusammenhängende gedankliche Kapriolen.

So musste mich meine Kollegin mal aus einem Rollup befreien, als wir unseren Messestand aufgebaut haben. Irgendetwas war mir weggerutscht und schwupp, hing ich mit den Haaren in unserem Werbeträger. Das war ganz schön peinlich. Nicht ganz so wie die Sache mit dem Ausleeren der Handtasche neulich bei Gericht http://edelsenf.de/2015/05/tag-7/, aber so richtig toll war das nun auch nicht. Das hängt mit meinen leichten Defiziten im Bereich des räumlichen Vorstellungsvermögens zusammen. Alles, was mehr als ein Teil hat, stellt mich beim Zusammenbau vor unlösbare Probleme. Ich nehme es meinen Eltern heute noch übel, dass ich zu meinem 12. Geburtstag ausgerechnet ein Tangram geschenkt bekommen habe.

Als mein Bruder neulich zu Besuch war, bat ich ihn, zu versuchen, mein verklemmtes Fahrradschloss aufzumachen. Ich hatte schon einige Tage lang unter Zuhilfenahme diverser Werkzeuge sowie Sprühöl daran herumgewürgt, erfolglos, so dass ich dann jeweils stattdessen wutentbrannt zu Fuß gegangen war. Mein Bruder kam mit mir in den Keller, ging zum Rad und hob das Schloss herunter. Es hing nur lose unter dem Sattel statt, wie ich automatisch angenommen hatte, zwischen den Speichen. Ich habe ihm zwar das Versprechen abgenommen, darüber Stillschweigen zu bewahren, aber wenn Tante Emmi Weihnachten den selbstaufgesetzten Brombeerschnaps aus dem Keller holt, kommt das sowieso raus. Kann ich es auch gleich selber beichten.

Nicht ganz so glimpflich lief es ab, als meine Eltern es versäumten, mir zu erklären, dass man beim Bergabfahren mit dem Fahrrad irgendwann bremsen sollte. Offenbar waren sie davon ausgegangen, dass sich einem das doch selbst erschließen müsse. Einem vielleicht. Aber MEIN Gehirn benötigt seine Kapazitäten eben für hochkomplexe andere Vorgänge und kann sich mit derart banalen Dynamikproblemen, die sich auch ganz leicht anders lösen ließen – simple Aufklärung würde in solchen Fällen zum Beispiel reichen – nicht beschäftigen. So ähnlich wie kurz darauf die Sache mit dem Zettel: “Setz bitte um 12 Uhr schon mal die Kartoffeln auf.“ Von Wasser stand da nichts. Und mein Gehirn war vermutlich gerade dabei, die Relativitätstheorie zu widerlegen, also so what. Wäre nicht der Rauchmelder losgegangen und hätte mich abgelenkt, wäre ich heute vermutlich Nobelpreisträgerin. Alles nur wegen Kartoffeln und suboptimal genutzter neuronaler Aktivität.

Von meinen überbordenden Denkprozessen zeugen auch die Notizen, die ich mir manchmal nachts mache, um sie aus dem Kopf zu bekommen. Leider kann ich am nächsten Tag mit meinen Höhenflügen nichts mehr anfangen. Das Satzfragment „Schweinswal brach durch Kolibris“ hat mich, nachdem ich es endlich entziffert hatte, veranlasst, es mit Sprachnotizen zu versuchen. Davon bin ich aber ab, seit ich um 2.30 Uhr im Halbschlaf versehentlich stattdessen meine Oma angerufen habe und „Bobbycar – Hippotherapie – Putin“ zu Protokoll gegeben habe. Sie schüttelt immer noch besorgt das graue Haupt, wenn sie mich sieht.

Wirklich zu denken gibt mir aber folgender Gedankengang, den ich hatte, als ich im Radio davon hörte, dass ab Januar das Briefporto schon wieder teurer werden soll. Ich habe nämlich messerscharf beschlossen, schnell noch Briefmarken auf Vorrat zu kaufen, um die Erhöhung eine Weile zu umgehen.

Manchmal hab ich ein bisschen Angst vor mir. Solltet Ihr mal wesentlich länger als zwei Wochen oder 14 Tage nichts von mir hören, schickt bitte einen Suchtrupp los. Der Bernhardiner sollte den Brombeerschnaps im Fässchen haben.

Liebe Grüße, Eure Kitty