Köln.

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Eine Armlänge. Kaum ist 2016 geboren, so hat sich bereits ein schwerer Schatten über das Kind geworfen und die Fee am Bett hat ihm die ersten bösen Worte ins Ohr geflüstert. „Du sollst eine Armlänge Abstand halten, denn sonst geschehen Dir schlimme Dinge!“

Im aktuellen Horrorfilm haben sie alle mitbekommen, die Worte; anders als im einschlägigen Märchen – und anders als die Geschehnisse in der Silvesternacht in Köln. Denn von denen hat zunächst mal kaum jemand etwas mitbekommen, abgesehen natürlich von den drangsalierten, bedrohten, bestohlenen und sexuell belästigten Frauen am Bahnhof.

Ich weiß gar nicht so recht, wo ich anfangen soll, diese Situation zu betrachten, so viele Kommentare gibt es schon und trotzdem muss da was raus aus mir, und wie ich sie auch drehe und wende, ich finde viele Stellen, die mir ein heftiges Unwohlsein verursachen. Mir ist ganz flau. Ich schaue ins Netz, in die Zeitung, TV, und habe das Gefühl, in eine andere, schlechte Zeit zurück oder in einen neuen, für mich inakzeptablen Lebensstil hinein versetzt zu werden.

Sind denn alle bekloppt? Medien und Politiker? Die Täter sowieso.

Ich höre, wie TV-Sender (nachdem sie vier Tage nach den Vorfällen endlich beginnen, überhaupt zu berichten, von Ausnahmen abgesehen) zum Beispiel entgegen allen Zeugenaussagen davon sprechen, dass nicht bekannt sei, welcher Herkunft die Täter sein könnten. Bloß nichts Falsches sagen. Wenn überhaupt. Und bin irritiert. Was hat das noch mit neutraler Berichterstattung zu tun?

Vielleicht sollen dadurch Panikmache und das Schüren ausländerfeindlichen Gedankengutes vermieden werden, denn dass diese Form der Information systematisch und nicht „einfach so“ geschieht, ist offensichtlich. Und in den letzten Monaten gang und gäbe. Aber verdammt nochmal, hier gibt es doch relevante Informationen und Beobachtungen. Wie weit sind wir gekommen, dass diese unter den Tisch gekehrt werden?! Ich fühle mich verarscht, verunsichert und als Bürger ausgebootet. Ich will mir selbst eine Meinung bilden und eine Position beziehen, dafür möchte ich informiert sein, und zwar objektiv und nicht abwiegelnd und durch eine rosarote Multikultibrille.

In dem Bemühen, alles diskriminierungsfrei, politisch korrekt und über jeden Zweifel, ob da nicht ausländerfeindliches Denken attestiert werden könnte, erhaben zu formulieren, werden Berichte zur Grotesken. Demnächst werden wohl die ersten Fahndungsplakate veröffentlicht, auf denen nur noch von einer „Person“ statt von Frau oder Mann die Rede ist, auf denen weder Alter noch Aussehen erwähnt werden, und am besten auch nicht, um welche Straftat es eigentlich geht. „Wegen XXX suchen wir eine Person. Bitte melden Sie sich, wo Sie möchten. Falls Sie möchten. Sonst ist es auch nicht schlimm.“

Ich lese, dass der zuständige Innenminister des Landes sagt, man werde das „nicht hinnehmen“, was in Köln passiert ist. Nicht hinnehmen? Ja, was denn sonst? Steht „wir nehmen das hin“ zur Diskussion? Das ist doch der erschreckende Umkehrschluss. Eine solche Selbstverständlichkeit darf nach meinem Empfinden überhaupt nicht Gegenstand einer Stellungnahme zu diesen Straftaten sein. Und einige Berichte sprechen dann auch noch von einer „scharfen“ Reaktion. Wie hätte die sanfte denn ausgesehen? Vermutlich hätte er sich einen Papphut aufgesetzt und in eine Karnevalströte geblasen. Ende der Vorstellung.

Weichspülen tut nicht jedem Gewebe gut.

Ein Moderator im Frühstücks-TV hat heute erklärt, nun müssten auch Männer – und sowieso alle – zu Frauenbeauftragten werden. Sch… nochmal, aus dem Stadium waren wir doch schon längst heraus.

Da tönen die uneingeschränkt Befürwortenden der Zuwanderung im überheblichen Brustton besserer Menschen, dass es lächerlich sei zu glauben, dass eine Minderheit unsere Gesellschaft durch ihre Weltanschauung, Sitten und Gebräuche beeinflussen kann. Wie naiv.

Milch, in die man Erdbeerpulver einrührt, bleibt auch nur weiß und wird nicht rosa, wenn man die Augen zumacht.

Wie das von statten geht, eine solche Veränderung, ist am Beispiel Köln deutlich zu sehen. Denn die Vorfälle am Bahnhof haben nicht nur unmittelbare Konsequenzen, insbesondere für die Opfer, sondern ziehen noch viel weitere Kreise. Gerede darüber, dass Frauen Beauftragte brauchen, um ihre Rechte gewahrt zu sehen. In Deutschland. Verhaltenskodex für Frauen, um nicht zu „provozieren“. Nicht stattfindende Berichterstattung, sowohl durch Medien als auch durch die Polizei. Allein das IST bereits Veränderung. Eine alarmierende.

Ich will niemanden haben müssen, der mich schützt. Ich will nicht in einem Land leben, in dem Menschen erklärt werden muss, dass man mich bitte nicht anfassen soll. Ich will nicht dafür kämpfen müssen, abends alleine mit einer Freundin auszugehen. Ich will meine Gedanken nicht vergiftet sehen durch das Vergleichen von Angeboten für Pfefferspray und die Planung, welchen ungefährlichen Weg ich am besten von A nach B einschlage. Selbst wenn ich mit rasantem Ausschnitt in einer Menschenmenge tanze, hat mich niemand zu belästigen.

Und dass (nicht nur ich) solche Sätze überhaupt auch nur denke, ist ein unerträglicher Rückschritt in die Steinzeit.

Dass ich ernsthaft nachgezählt habe, ob ich das Wort „deutsch“ vielleicht zu oft in diesem Text gewählt habe und somit in den Verdacht geraten könnte, rechts zu sein, ist gruselig. Toleranz wird radikalisiert. Nicht mehr Big Brother is watching me and you, sondern die selbsternannten Kreuzritter der social media, die jeglichen auch noch so konstruktiv-kritischen Ansatz mit ihrem Schwert niedermähen. Dahergaloppierend auf dem Ross der Entrüstung und im glänzenden Harnisch, gefertigt aus Selbstgerechtigkeit und Halbwissen, ein Schild aus Überheblichkeit vor sich her tragend und den Gral des Allwissenden in den Satteltaschen wähnend.

Und das Ross trägt Scheuklappen.

Genau auf diese Art und Weise, liebe Kreuzritter, verändern Minderheiten gleich welcher Art Gesellschaften. Indem rücksichts- und hemmungslose, von was auch immer getriebene Kriminelle „Straftaten einer völlig neuen Dimension“ (so der Kölner Polizeipräsident) verüben und unseren Medien und Volksvertretern nur die Schamesröte ins Gesicht steigt, wenn sie sich verhaspelnd dazu äußern müssen, so, alles hätten sie selbst die Straftaten begangen. Hilflos wirkt das, peinlich und beschämend finde ich das. Und Euer Schwert schwebt über jedem, der etwas dazu sagt.

Ich fühle mich manipuliert und eingeschränkt.

Nein, selbstverständlich sind nicht alle Ausländer Verbrecher, auch nicht potenziell, jedenfalls nicht mehr als Deutsche auch, und nein, selbstverständlich sind nicht alle Deutschen gesetzestreu oder auch nur nette Menschen (und schlimm, dass ich mich veranlasst sehe, auch das hier ganz deutlich zu sagen, weil ich nämlich ahne, was ansonsten losbricht, am Kern meines Textes vorbei). Aber wenn extra3 schreibt:

„Wenn wir schon verallgemeinern müssen: Nicht Ausländer, sondern Arschlöcher belästigen Frauen“ ,

dann platzt mir der Kragen. Nicht nur, dass der Vergleich hinkt, denn die angerissene These 1 (Ausländer belästigen Frauen) ist eine Verallgemeinerung bzw. Unterstellung, These 2 (Arschlöcher belästigen Frauen) ist eine Bewertung und aus meiner Sicht kaum zu widerlegen, es sei denn, man ist selber ein Arschloch. Dann hält man sexuell Übergriffige vielleicht nicht für eben solche. Und Vorsicht: nicht alle Arschlöcher belästigen Frauen. Ein schmaler Grat, auf dem extra3 da wandert. Viel schlimmer jedoch finde ich, dass hier gleich wieder in vorauseilendem Gehorsam und belehrend-sarkastischem Tonfall schwarz/weiß gesehen wird. Und extra3 das Phänomen der Verallgemeinerung verallgemeinert. Nicht jeder, der sich Sorgen über die Konsequenzen der sich verändernden Gesellschaft macht, schert alle über einen Kamm.

Die Frage, was sich gesellschaftlich verändert, wenn ein erheblicher Anteil der Bevölkerung aus anderen Kulturkreisen kommt, lässt sich durchaus differenziert betrachten. Und muss im Übrigen auch gestellt werden, alles andere wäre bescheuert und verantwortungslos, unseren und nachfolgenden Generationen gegenüber.

Und zwar zum einen, ohne das hohe Gut der Menschlichkeit aus den Augen zu verlieren und ohne die Grundrechte zu vernachlässigen, aber zum anderen auch ohne historisch bedingtes pauschales schlechtes Gewissen, demutsvolle Buckelei, verlegenes Gescharre und verschämtes Drumherumgerede. Es gibt auch noch eine gesunde, realistische, objektive Bandbreite zwischen „Alle Ausländer sind Verbrecher“ und „Wir lieben Euch alle, bitte, macht es Euch gemütlich und fühlt Euch wie zuhause“, und es muss erlaubt sein, sich zu positionieren, ohne in die intolerante, unmenschliche, rechtsradikale Ecke gedrängt zu werden.

Herausforderungen und Probleme, die nicht nur auf uns zukommen, sondern bereits da sind, lassen sich nur angehen, wenn man sich traut, sie wahrzunehmen und sie offen und ehrlich zu thematisieren. Das betrifft alle Einflüsse auf unsere Gesellschaft, sowohl von innen  – und hierzu zählen für mich zum Beispiel rechtsradikale Tendenzen – als auch „mitgebrachte“ von außen, auf unser Bildungs- und Gesundheitssystem, unsere Moral und Werte, unser Rechtssystem und unsere Finanzen. Auf unser gesamtes Leben. Es ist Augenwischerei, so zu tun, als wären sie nicht vorhanden oder maximal im Bereich des Fliegengewichtes.

Es gilt, die Balance zu finden. Alles andere ist gefährlich, unwürdig und blauäugig und spielt zudem rechten Gruppierungen in die Hände, die mir den kalten Schweiß auf die Stirn treiben.

Also: nicht den Kopf in den Sand stecken.

Eure Kitty

#Koeln

 

 

 

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