Diskussion.

Diskussion.
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Aus der Psychologie ist bekannt, dass der Mensch über verschiedene innere Anteile verfügt. Naja, verfügt ist schon das falsche Wort, da schreitet mein innerer Lektor gleich mal ein, denn eher verfügen sie über uns statt umgekehrt. Manchmal jedenfalls. Wenn man zuviel Jägermeister hatte, zum Beispiel.

Die klassische Psychologie geht ja am ehesten vom inneren Kind, dem inneren Kritiker und dem inneren Erwachsenen aus. Ich habe festgestellt, dass das bei mir etwas anders aussieht. Ich habe eher die innere Diva, die innere Rächerin und die innere Extremsportlerin.

Letztere hat sich heute Morgen eine Diskussion mit dem inneren Schweinhund geliefert. Und noch ein paar Anteilen. Sie wollte unbedingt bei Nieselwetter, drei Metern Sichtweite und ohne Frühstück morgens um 6 Uhr ins Freibad. Das will sie schon seit Wochen, aber bisher wurde sie immer von dem Anteil überboten, den ich Phil nenne. Das ist das grüßende Murmeltier aus dem Film.

Heute aber hat sie sich durchgesetzt. Schnell eine Sporttasche mit olympischen Ausmaßen gepackt, Fön, vier Bürsten, vier Handtücher, Badelatschen, Haargummis und –klemmen, Duschgel, das andere Duschgel, Haarshampoo, Conditioner, In-Dusch-Bodylotion, Ex-Dusch-Bodylotion, Parfum, das andere Parfum, Serum, Augencreme, Gesichtscreme, Fußcreme, Nagellack, falls was repariert werden muss, Primer, Ansatzbooster, Haarschaum, Haaröl (das nicht fettende), Hitzeschutzspray, Volumenpuder, Haarspray, Kamm eingepackt und schon konnte es losgehen. Nur noch die Katze füttern, Frühstück für’s Büro packen, und fast hätte ich dann die dekorative Kosmetik vergessen. Aber die 25 Teile waren flugs gepackt. Diva war zufrieden und die Sportlerin konnte los.

Auf dem Weg zum Schwimmbad fing irgendeiner an zu mosern, dass es ziemlich bekloppt sei, zu nachtschlafener Zeit durch die Stadt zu gurken. Die Mimose, die Sport-ist-Mord-Terroristin oder einfach nur das gesunde, normal denkende innere Wesen. Vielleicht haben sie sich auch gegenseitig bestärkt. Ich habe irgendwann auf halber Streck den Faden verloren. Die Ampelphasen gaben ihm recht. Oder ihr. Oder ihnen.

Egal. Es war dauernd rot. Das verleitete den destruktiven Hetzer zu der Aussage, dass es sich ja wohl kaum lohne, 40 Minuten Fahrt insgesamt plus 40 Minuten duschen etc. für vielleicht 45 Minuten herumschwimmen in Kauf zu nehmen. Hatte er nicht Unrecht. Das fand auch die pessimistische Realistin, während die scheinheilige Optimistin etwas von Prioritäten faselte.

Dabei fällt mir ein, dass ich neulich gelesen habe, dass Optimismus rückwärts Sumsi mit Po heißt. Herrlich. War mir noch nie aufgefallen. Das will ich seitdem anbringen.

Nichtsdestotrotz habe ich es bis vor die Tore des Bades geschafft. Also, hätte ich, wenn ich nicht um 180 Grad gedreht hätte, sondern nur um 90. Die 20 Minuten Fahrt hatten gereicht, um eine innere Podiumsdiskussion auszulösen. Geleitet vom anarchistischen Sportmuffel. Erhebliche Anteile kamen von der Analytikerin auf der Metaebene und anderen Klugscheißern. Über den Wert von Sport für die Lebensqualität, Cellulite, gesellschaftliche Zwänge, Kreislauf, älter werden, „schwimmen, wenn andere schlafen“, den Einfluss von körperlicher Ertüchtigung auf Depressionen, die Uhrzeit, das Wetter, immer wieder fiel das Wort „überwertet“ und die Frage, ob diese ganze Diskussion möglicherweise einfach nur vom inneren Schweinehund angezettelt worden sei.

Der hat aber argumentiert, dass er immer herhalten muss, wenn man sich nicht traut, straight gegen gesellschaftliche Vorgaben zu rebellieren und sich einzugestehen, dass man einfach null Bock hat. Da biss sich die Katze in den Schwanz. Just in dem Moment, wo der Parkplatz in Sicht kam und ich ca. 50 geparkte Autos sah. Glaubte, zu sehen. Diesen Moment der Schwäche nutzte der innere Filmemacher, um mir eine Art brodelndes Piranhabecken vorzuführen, in dem sich die bekannten Schwimmtypen aus dem Hallenbad ein bissiges Stelldichein liefern. Meine Rennfahrerin riss das Lenkrad herum, zog die Handbremse an, driftete um die Verkehrsinsel und nahm Kurs auf in Richtung nach Hause.

Triumphierend und mich gleichzeitig verdammend schleppte ich mich und die drei Taschen die Treppe hoch.

Vor meiner Wohnungstür musste ich mich durch einen Pulk wütender Nachbarn kämpfen. Ich habe zum Geburtstag einen Wecker bekommen. Der weckt mit Sonnenaufgang und Naturgeräuschen. Da ich beides am Park zur Genüge habe (das hatte ich beim Wünschen nicht bedacht, der innere Romantiker war zu entzückt von dem Spielzeug), nur keinen Kuckuck, habe ich die „Vogelgezwitscher inkl. Kuckuck“-Einstellung gewählt und vergessen, den Wecker auszuschalten, als die Extremsportlerin schon vor dem Klingeln zum Freibad rauschte. Mit dem Fön schlug ich mir eine Bresche.

Hier sitze ich nun. Stille. Ich habe sie alle geknebelt, damit ich in Ruhe schreiben kann, bevor ich die 2 m³-Tasche wieder auspacke, duschen gehe und die Erwachsene, die Rebellin, die Konforme, die Diva und die Rächerin ins Büro gehen.

Oropax für interne Dialoge wären eine echte Marktlücke.

Liebe Grüße, Eure Kitty

 

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