Weltfrieden.

Gestern hatte ich Geburtstag. Morgens klingelte mein Wecker und das erste, was ich nach einem „Happy birthday, liebe Kitty“ hörte, war, dass es einen Terroranschlag in Manchester gegeben hat. Nach einem Konzert. Mit etlichen Toten und Verletzten, darunter auch viele Kinder.

Am 23.05. jährt sich nicht nur meine Geburt, sondern ich stehe mit meinem winzigen Ereignis in einem riesigen, wertvollen und ehrwürdigen Schatten, denn am 23.05.1949 wurde das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verkündet. Deswegen ist an meinem Geburtstag immer geflaggt. Und ausgerechnet an diesem Tag geschieht erneut etwas, das die in unserem und anderen Gesetzen verankerten Grundrechte mit Füßen tritt.

Wer denkt schon ständig darüber nach, welche wertvollen Güter dort verbrieft sind? Ich glaube, wenige. Weil viele, wie meine Generation, einfach damit aufgewachsen sind und sie deshalb für sie selbstverständlich sind. Und das ist auch gut so. Es ist so ähnlich wie die Tatsache, dass die meisten nicht 24 Stunden am Tag ganz bewusst für ihre Gesundheit dankbar sind; aber wenn man krank wird, wird es einem bewusst. Und so ging es mir gestern, mal wieder.

Freiheit. Unversehrtheit. Entfaltung. So selbstverständlich. Bis eine Bombe explodiert und Menschen tötet und verletzt, die einen schönen Abend hatten, mit Spaß, Musik und Gleichgesinnten. Sonst nichts. Die ihr Leben genossen und dabei niemanden beeinträchtigt haben.

So verachtenswert ist er, dieser Anschlag auf Unschuldige und auf Werte anderer, dass mir die Worte fehlen. Tatsächlich fühlt es sich an, als wären Teile der Welt erkrankt.

Ich habe mich zu meinem Geburtstag sehr über liebevolle Geschenke gefreut. Gewünscht habe ich mir, und es hatte plötzlich nichts von dem Klischeehaften mehr, was dem Wort manchmal anhaftet, den Weltfrieden.

Traurige Grüße,
Eure Kitty

Was liegt am Strand und spricht undeutlich? ………. ’ne Strandnuschel!

Also, entweder, ich fange an zu nuscheln, die menschliche Bevölkerung hört immer schlechter, oder ich werde einfach alt.

Dass andere meinen Namen meistens nicht richtig verstehen, kenne ich ja mittlerweile. Aus Glomb wird gerne mal Glomm, Klomm, Klomp, Klump, Plomb, Plump, Brumm. Mein Briefträger orientiert sich mittlerweile am Vornamen, das ist einfacher.

Versuche, das zum Beispiel am Telefon richtig zu stellen, enden in der Regel so: „Telecom, guten Tag!“ „Ja, guten Tag, mein Name ist Kitty Glomb.“ „Was kann ich für Sie tun, Frau Krump?“ „Nein, nein, ich heiße Glomb.“ „Ach so, jetzt habe ich sie richtig verstanden, Entschuldigung, Frau Monk!“ „Nein, vorne mit ‚Gl…‘, wie bei ‚Glöckner‘!“ „Heißt der nicht Glööckler?“ Spätestens da gebe ich dann auf, sage „Ja, genau!“ und bin für die Dauer dieses Gespräches halt Frau Glööckler. Solange sich das nicht auf meine Lippen auswirkt, soll es mir recht sein. Ändere die Dinge, die Du ändern kannst, akzeptiere die, die Du nicht ändern kannst.

Ein Mitarbeiter vom Waschmaschinenservice bekam neulich Schluckauf vor Aufregung, weil er „Klum“ verstanden hatte. Ich habe ihn in dem Glauben gelassen. Noch nie waren Monteure – gleich drei an der Zahl – so schnell bei mir, um etwas zu reparieren. Es hat also durchaus Vorteile.

Lustige Situationen hat es deswegen auch schon gegeben. Glomb ist der Mädchenname meiner Mutter. In meiner Familie gibt es den Stoßseufzer „typisch Glomb“, wenn eines der weiblichen Mitglieder sich durch besonders …na, sagen wir mal, originelle…. Worte oder Taten hervorgetan hat. An einem feucht-fröhlichen Weinabend auf der elterlichen Terrasse zum Beispiel. Nachdem wir bereits zwei Stunden gegackert hatten und der Stoßzeufzer ungefähr zum sechsten Mal gen Himmel stieg, entstand eine ganz kleine Erschöpfungspause. Mitten in diese hinein fragte der Freund meiner Schwester Lindy, der uns den ganzen Abend nur kopfschüttelnd beäugt hatte: „Darf ich mal was fragen? Was ist eigentlich ein Glomb?“ Ganz ratlos und ernst. Als könne es sich um eine seltene Käferart handeln. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass diese Episode in die glombschen Familienanalen eingegangen ist.

Einzig habe ich seit ein paar Jahren ein bisschen Bedenken, dass eines Tages ein SEK in voller Montur meine Wohnungstür sprengt und mich hops nimmt, weil einmal zu oft jemand beim Mithören meiner Telefonate den Namen „Bomb“ verstanden hat.

In letzter Zeit ist es jedoch so, dass auch andere Dinge nicht richtig ankommen. Letzte Woche war ich mit meiner Freundin Salena im Bistro. Sie bestellt ein Ginger Ale. Der Kellner, ungefähr 19 Jahre alt, starrt irritiert von einer zu anderen und sagt dann zu ihr: „Schwarztee?“ Wir kichern. Nein, Ginger Ale. Er wird rot. Überlegt, dann: „…einen Chai Latte?!“ Wir kichern lauter. Der Arme. Nö, ein Ginger Ale. Daraufhin outet er sich und fragt, was das ist. Wir erklären es ihm. Das Wort „Schweppes“ ruft ein neues Stirnrunzeln hervor. Ich versuche es mit „schmeckt super mit Southern Comfort“ und dann bestellt Salena eine Cola. Mich beschleicht der Verdacht, dass meine Vorlieben und Gewohnheiten und die von anderen Unverstanden jenseits  der 30 möglichweise in die antiquierte Ecke geraten. Jungvolk versteht zwar vielleicht akustisch, was gemeint ist, aber Ginger Ale kommt bei ihnen so an, wie es bei mir ankam, als meine Eltern auf einer Familienfeier begeistert „Kikeriki“ schrien und ich dachte, oh Gott, nun ist es soweit. Kikeriki ist eine unglaubliche Sauerei aus den 70ern. Eierlikör mit Zitronensprudel.

Oder neulich im Club (‚Kneipe‘ kennt ja auch keiner mehr): „Einen Charly, bitte.“ „Der hat heute frei.“ Ich bin ja schon froh, dass Gin Tonic aktuell zum Modegetränk anvanciert ist und daher meist auch geliefert wird, wenn ich ihn bestelle.

Für die Nuschel-/Gehörtheorie spricht allerdings, dass ich gestern im Fischladen war und gefragt habe, ob ich für heute Thunfischsteaks bestellen kann. „Klar“, sagt die Verkäuferin, „schauen Sie mal hier. Wir haben Winterheilbutt, Hai und Lachs, daraus kann ich Ihnen die Steaks schneiden.“ Entweder kann sie auch Wasser in Wein verwandeln….oder – wie gesagt.

Inzwischen habe ich den Fisch abgeholt. Der offensichtliche Lehrling im Fischgeschäft schwenkt triumphierend eine Tüte, wiegt sie, es sind 750 Gramm. Naja, denk ich, ich wollte drei Thunfischsteaks à 200 Gramm, egal. Der Handel ist fast abgewickelt, als ihn eine Kollegin darüber aufklärt, dass es sich noch um EIN Stück handelt.

„Gut, sag ich, wenn Sie ihn eh noch schneiden müssen, ich brauche drei Stück à 200 Gramm, also 600 Gramm.“ …………Denkpause…….. „Ok. Dann schneide ich das in 3 Stücke.“ „Neeeeeeee,“ sag ich, „dann sind es ja immer noch 750 Gramm.“ Ich spreche laut und sehr deutlich, um mich nicht des Nuschelns schuldig zu machen. ……..Denkpause…… „Dann lass ich also ein Stück über…..“ „Ja,“ sag ich, „das ist eine gute Idee, um dem gewünschten Ergebnis näher zu kommen.“

Er hebt an, den Fisch zu säbeln. In etwa so, wie ich ein hartes, massives Biovollkornbrot verzweifelt durchsäge. Ich kann kaum hingucken. Der arme Kerl – also, der Fisch – stirbt gerade ein zweites Mal. Statt einer glatten Oberfläche erhält das Stück eine Art Wellenschliff. Zudem ist es genau ein Drittel stark.

„Dieses Thunfischsteak ist zu dick.“, sage ich. Er starrt mich an. Vielleicht hat er das vordere ‚h‘ in meinem Thunfisch gehört, das in seinem Tunfisch nicht mehr vorkommt, und das verwirrt ihn bis zur Denk- und Körperlähmung. „Wiegen Sie es mal.“ 260 Gramm. Er schneidet ein zweites Stück. Es wäre gut als Carpaccio zu verwenden. 140 Gramm.

 

Eine Kollegin eilt zur Hilfe und gibt Anweisungen. Der Azubi säbelt das verbliebene Stück waagerecht durch. Ein Lappen – Steak kann man nun wirklich nicht mehr sagen – ist nun auf der einen Seite zwei Millimeter dick, auf der anderen gut vier Zentimeter. Das andere etwa umgekehrt. Durch das eine Ende kann ich ihn hindurchsehen, als er es hochhebt und dann erleichtert einpacken will. Aus den Augen, aus dem Sinn.  Ich erkläre sehr deutlich, dass ich diesen Fisch mit seinen unterschiedlichsten Garpunkten wohl kaum auf den Punkt auf den Tisch bekommen werde, um es mal mit dem typischen „Perfektes Dinner“-Sprachgebrauch zu versuchen. Vielleicht ist er ja TV-affin. „Ja, ach so. Also, soll ich die dickeren nun auch ganz dünn schneiden? Oder vielleicht legen Sie in der Pfanne einfach zwei dünne aufeinander?“

Um es jetzt kurz zu machen: es gibt nachher nun Fischfrikadelle.

Es klingelt. Falls ihr nichts mehr von mir hört, war es das SEK.

Immer schön die Ohren spitzen. Eure Kitty

Köln.

Eine Armlänge. Kaum ist 2016 geboren, so hat sich bereits ein schwerer Schatten über das Kind geworfen und die Fee am Bett hat ihm die ersten bösen Worte ins Ohr geflüstert. „Du sollst eine Armlänge Abstand halten, denn sonst geschehen Dir schlimme Dinge!“

Im aktuellen Horrorfilm haben sie alle mitbekommen, die Worte; anders als im einschlägigen Märchen – und anders als die Geschehnisse in der Silvesternacht in Köln. Denn von denen hat zunächst mal kaum jemand etwas mitbekommen, abgesehen natürlich von den drangsalierten, bedrohten, bestohlenen und sexuell belästigten Frauen am Bahnhof.

Ich weiß gar nicht so recht, wo ich anfangen soll, diese Situation zu betrachten, so viele Kommentare gibt es schon und trotzdem muss da was raus aus mir, und wie ich sie auch drehe und wende, ich finde viele Stellen, die mir ein heftiges Unwohlsein verursachen. Mir ist ganz flau. Ich schaue ins Netz, in die Zeitung, TV, und habe das Gefühl, in eine andere, schlechte Zeit zurück oder in einen neuen, für mich inakzeptablen Lebensstil hinein versetzt zu werden.

Sind denn alle bekloppt? Medien und Politiker? Die Täter sowieso.

Ich höre, wie TV-Sender (nachdem sie vier Tage nach den Vorfällen endlich beginnen, überhaupt zu berichten, von Ausnahmen abgesehen) zum Beispiel entgegen allen Zeugenaussagen davon sprechen, dass nicht bekannt sei, welcher Herkunft die Täter sein könnten. Bloß nichts Falsches sagen. Wenn überhaupt. Und bin irritiert. Was hat das noch mit neutraler Berichterstattung zu tun?

Vielleicht sollen dadurch Panikmache und das Schüren ausländerfeindlichen Gedankengutes vermieden werden, denn dass diese Form der Information systematisch und nicht „einfach so“ geschieht, ist offensichtlich. Und in den letzten Monaten gang und gäbe. Aber verdammt nochmal, hier gibt es doch relevante Informationen und Beobachtungen. Wie weit sind wir gekommen, dass diese unter den Tisch gekehrt werden?! Ich fühle mich verarscht, verunsichert und als Bürger ausgebootet. Ich will mir selbst eine Meinung bilden und eine Position beziehen, dafür möchte ich informiert sein, und zwar objektiv und nicht abwiegelnd und durch eine rosarote Multikultibrille.

In dem Bemühen, alles diskriminierungsfrei, politisch korrekt und über jeden Zweifel, ob da nicht ausländerfeindliches Denken attestiert werden könnte, erhaben zu formulieren, werden Berichte zur Grotesken. Demnächst werden wohl die ersten Fahndungsplakate veröffentlicht, auf denen nur noch von einer „Person“ statt von Frau oder Mann die Rede ist, auf denen weder Alter noch Aussehen erwähnt werden, und am besten auch nicht, um welche Straftat es eigentlich geht. „Wegen XXX suchen wir eine Person. Bitte melden Sie sich, wo Sie möchten. Falls Sie möchten. Sonst ist es auch nicht schlimm.“

Ich lese, dass der zuständige Innenminister des Landes sagt, man werde das „nicht hinnehmen“, was in Köln passiert ist. Nicht hinnehmen? Ja, was denn sonst? Steht „wir nehmen das hin“ zur Diskussion? Das ist doch der erschreckende Umkehrschluss. Eine solche Selbstverständlichkeit darf nach meinem Empfinden überhaupt nicht Gegenstand einer Stellungnahme zu diesen Straftaten sein. Und einige Berichte sprechen dann auch noch von einer „scharfen“ Reaktion. Wie hätte die sanfte denn ausgesehen? Vermutlich hätte er sich einen Papphut aufgesetzt und in eine Karnevalströte geblasen. Ende der Vorstellung.

Weichspülen tut nicht jedem Gewebe gut.

Ein Moderator im Frühstücks-TV hat heute erklärt, nun müssten auch Männer – und sowieso alle – zu Frauenbeauftragten werden. Sch… nochmal, aus dem Stadium waren wir doch schon längst heraus.

Da tönen die uneingeschränkt Befürwortenden der Zuwanderung im überheblichen Brustton besserer Menschen, dass es lächerlich sei zu glauben, dass eine Minderheit unsere Gesellschaft durch ihre Weltanschauung, Sitten und Gebräuche beeinflussen kann. Wie naiv.

Milch, in die man Erdbeerpulver einrührt, bleibt auch nur weiß und wird nicht rosa, wenn man die Augen zumacht.

Wie das von statten geht, eine solche Veränderung, ist am Beispiel Köln deutlich zu sehen. Denn die Vorfälle am Bahnhof haben nicht nur unmittelbare Konsequenzen, insbesondere für die Opfer, sondern ziehen noch viel weitere Kreise. Gerede darüber, dass Frauen Beauftragte brauchen, um ihre Rechte gewahrt zu sehen. In Deutschland. Verhaltenskodex für Frauen, um nicht zu „provozieren“. Nicht stattfindende Berichterstattung, sowohl durch Medien als auch durch die Polizei. Allein das IST bereits Veränderung. Eine alarmierende.

Ich will niemanden haben müssen, der mich schützt. Ich will nicht in einem Land leben, in dem Menschen erklärt werden muss, dass man mich bitte nicht anfassen soll. Ich will nicht dafür kämpfen müssen, abends alleine mit einer Freundin auszugehen. Ich will meine Gedanken nicht vergiftet sehen durch das Vergleichen von Angeboten für Pfefferspray und die Planung, welchen ungefährlichen Weg ich am besten von A nach B einschlage. Selbst wenn ich mit rasantem Ausschnitt in einer Menschenmenge tanze, hat mich niemand zu belästigen.

Und dass (nicht nur ich) solche Sätze überhaupt auch nur denke, ist ein unerträglicher Rückschritt in die Steinzeit.

Dass ich ernsthaft nachgezählt habe, ob ich das Wort „deutsch“ vielleicht zu oft in diesem Text gewählt habe und somit in den Verdacht geraten könnte, rechts zu sein, ist gruselig. Toleranz wird radikalisiert. Nicht mehr Big Brother is watching me and you, sondern die selbsternannten Kreuzritter der social media, die jeglichen auch noch so konstruktiv-kritischen Ansatz mit ihrem Schwert niedermähen. Dahergaloppierend auf dem Ross der Entrüstung und im glänzenden Harnisch, gefertigt aus Selbstgerechtigkeit und Halbwissen, ein Schild aus Überheblichkeit vor sich her tragend und den Gral des Allwissenden in den Satteltaschen wähnend.

Und das Ross trägt Scheuklappen.

Genau auf diese Art und Weise, liebe Kreuzritter, verändern Minderheiten gleich welcher Art Gesellschaften. Indem rücksichts- und hemmungslose, von was auch immer getriebene Kriminelle „Straftaten einer völlig neuen Dimension“ (so der Kölner Polizeipräsident) verüben und unseren Medien und Volksvertretern nur die Schamesröte ins Gesicht steigt, wenn sie sich verhaspelnd dazu äußern müssen, so, alles hätten sie selbst die Straftaten begangen. Hilflos wirkt das, peinlich und beschämend finde ich das. Und Euer Schwert schwebt über jedem, der etwas dazu sagt.

Ich fühle mich manipuliert und eingeschränkt.

Nein, selbstverständlich sind nicht alle Ausländer Verbrecher, auch nicht potenziell, jedenfalls nicht mehr als Deutsche auch, und nein, selbstverständlich sind nicht alle Deutschen gesetzestreu oder auch nur nette Menschen (und schlimm, dass ich mich veranlasst sehe, auch das hier ganz deutlich zu sagen, weil ich nämlich ahne, was ansonsten losbricht, am Kern meines Textes vorbei). Aber wenn extra3 schreibt:

„Wenn wir schon verallgemeinern müssen: Nicht Ausländer, sondern Arschlöcher belästigen Frauen“ ,

dann platzt mir der Kragen. Nicht nur, dass der Vergleich hinkt, denn die angerissene These 1 (Ausländer belästigen Frauen) ist eine Verallgemeinerung bzw. Unterstellung, These 2 (Arschlöcher belästigen Frauen) ist eine Bewertung und aus meiner Sicht kaum zu widerlegen, es sei denn, man ist selber ein Arschloch. Dann hält man sexuell Übergriffige vielleicht nicht für eben solche. Und Vorsicht: nicht alle Arschlöcher belästigen Frauen. Ein schmaler Grat, auf dem extra3 da wandert. Viel schlimmer jedoch finde ich, dass hier gleich wieder in vorauseilendem Gehorsam und belehrend-sarkastischem Tonfall schwarz/weiß gesehen wird. Und extra3 das Phänomen der Verallgemeinerung verallgemeinert. Nicht jeder, der sich Sorgen über die Konsequenzen der sich verändernden Gesellschaft macht, schert alle über einen Kamm.

Die Frage, was sich gesellschaftlich verändert, wenn ein erheblicher Anteil der Bevölkerung aus anderen Kulturkreisen kommt, lässt sich durchaus differenziert betrachten. Und muss im Übrigen auch gestellt werden, alles andere wäre bescheuert und verantwortungslos, unseren und nachfolgenden Generationen gegenüber.

Und zwar zum einen, ohne das hohe Gut der Menschlichkeit aus den Augen zu verlieren und ohne die Grundrechte zu vernachlässigen, aber zum anderen auch ohne historisch bedingtes pauschales schlechtes Gewissen, demutsvolle Buckelei, verlegenes Gescharre und verschämtes Drumherumgerede. Es gibt auch noch eine gesunde, realistische, objektive Bandbreite zwischen „Alle Ausländer sind Verbrecher“ und „Wir lieben Euch alle, bitte, macht es Euch gemütlich und fühlt Euch wie zuhause“, und es muss erlaubt sein, sich zu positionieren, ohne in die intolerante, unmenschliche, rechtsradikale Ecke gedrängt zu werden.

Herausforderungen und Probleme, die nicht nur auf uns zukommen, sondern bereits da sind, lassen sich nur angehen, wenn man sich traut, sie wahrzunehmen und sie offen und ehrlich zu thematisieren. Das betrifft alle Einflüsse auf unsere Gesellschaft, sowohl von innen  – und hierzu zählen für mich zum Beispiel rechtsradikale Tendenzen – als auch „mitgebrachte“ von außen, auf unser Bildungs- und Gesundheitssystem, unsere Moral und Werte, unser Rechtssystem und unsere Finanzen. Auf unser gesamtes Leben. Es ist Augenwischerei, so zu tun, als wären sie nicht vorhanden oder maximal im Bereich des Fliegengewichtes.

Es gilt, die Balance zu finden. Alles andere ist gefährlich, unwürdig und blauäugig und spielt zudem rechten Gruppierungen in die Hände, die mir den kalten Schweiß auf die Stirn treiben.

Also: nicht den Kopf in den Sand stecken.

Eure Kitty

#Koeln

 

 

 

Endzeit.

Nun geht es fast zuende, dieses Jahr, und es ist an der Zeit, mein Lebkuchengebettetes und Marzipanumwabertes Gehirn mal wieder an die frische Luft zu lassen. Und meine Finger aus den Süßigkeiten. Genauer gesagt, aus den Raffaellos, die ich zu jeder Gelegenheit bekomme, seit Oma mitbekommen hat, dass ich sie mag. Das Problem an der Sache ist, dass es die Dinger immer noch nicht als 25 cm-Riegel gibt, sondern nach wie vor, von hämischen Sadisten mit üblem Humor liebevoll verpackt, als lächerlich kleine Kugeln, die man einzeln auspacken muss. Und dann liegt auf dem Tisch ein riesiges Mahnmal aus Zellophan und Kokosbröseln, starrt mich anklagend an und schreit: „ Waagewaagewaage! Und Umwelt. Bäh.“.

Die Waage mobbt mich ohnehin um diese Zeit ganz extrem, deswegen schneide ich sie. Ich weiß ja, was sie zu den Raffaellos und den Bailey’s-Berlinern sagen würde, die sich irgendwie 1:1, Form und Fettanteil beibehaltend, auf meinen Hüften niedergelassen haben. Der Haselnussbrand von Heilig Abend hat sich da doch etwas gleichmäßiger verteilt.

Und jetzt sind sie da, diese Tage zwischen den Jahren – oder zwischen den Tagen oder wie auch immer es nun heißt. Immerhin weiß ich jetzt dank Google (wem auch sonst), warum man das so sagt. Weil sich irgendwelche machtbesessenen Herrscher, Päpste, Hofnarren nicht auf einen einzigen gültigen Kalender einigen konnten und somit etwas übrig blieb. Dazwischen. Wo sonst eigentlich nichts sein kann. So ähnlich muss die verdammte Sommer-/Winterzeit zustande gekommen sein.

Vielleicht finde ich die Zeit deshalb so unangenehm. Ich habe Endzeitstimmung. Es ist den ganzen Tag dunkel, die ersten Knaller knallen schon seit Tagen mit Knallern, die Menschen sind anders als sonst (oder vielleicht bin auch nur ich es), und dann droht morgen Silvester. Dieses ominöse Datum, auf das man ab Weihnachten unweigerlich und ferngesteuert zufliegt.

Dabei ist das Weihnachtsfest in meiner Familie noch sehr gemütlich und lustig. Nach einem besinnlichen Advent mit tausend Einkäufen, Terminen, Vorbereitungen und dem einen oder anderen Antistress-Glühwein findet sich die Familie nach gutem Essen und mit erschöpfter Gastgeberin unter dem Baum wieder und würfelt um die Geschenke. Auch dieses Jahr; ein großes Hallo. Der Abend nahm eine unumkehrbare Wendung in Richtung des besagten Haselnussbrandes, als sie – die Gastgeberin – ein Überraschungsgeschenk von Schwiegermama auspackte und nach dem Entfernen von zehn verschiedenen Verpackungen eine Kokosnuss vorfand. Ich hab noch immer Bauchweh vor Lachen.

Liegt aber vielleicht auch am ersten Weihnachtstag. Familienkaffee. Eine enge Blutsverwandte, die ich lieber nicht namentlich nenne, weil sie stets mit Enterbung droht, erzählt von einem TV-Bericht: irgendwo gibt es ein Dorf, in dem einmal im Jahr ein „Nacktradeln“ stattfindet. Der ganze Ort schwingt sich im Adamskostüm auf wild designte Räder. Es wird gefilmt und gepostet, was das Zeug hält.

Ihr Beitrag endet hier. Und Onkel Edo, dessen Hörkraft nicht mehr optimal ist, fragt: „Und wie warm war nu das Wasser?“  Loriot ist zurück. In meiner Familie, als Drehbuchautor. Willkommen. 🙂 Ich glaube, er dürfte sich wohlfühlen.

An Silvester habe ich schon fast alles durch. Von Skiurlaub (das war gut, bis zu der Sache mit dem Schneemann) über Riesenparties bis hin zu „gemütlichen“ Pärchen-/Zuhause ist es schön-/“toll, dass ihr zu uns kommt, wir können ja wegen der Kleinen nicht…“-/Fondue-/Raclette-/Bleigießen-/Tischfeuerwerk-Abenden.

Irgendwie endet es, mit leichten Abwandlungen je nach Konstellation, s.o., immer ähnlich. Um Mitternacht herum – gekoppelt an den Alkoholkonsum manchmal auch etwas eher – kippt die Stimmung. Entweder sind alle vollgefressen und stocknüchtern (die einen wegen der Kinder, die Gäste aus Loyalität), keiner weiß mehr, wer beim Monopoly/Uno/Tabu dran ist und das Gastpärchen ist entnervt, weil es um 0.05 kein Taxi findet, um endlich nach Hause zu kommen. Oder halt die Partyvariante. Frank politisiert und polemisiert, Hannah findet ihre Schuhe nicht mehr, Tina hat einen Moralischen (ich sowieso), im Aquarium schwimmen drei Erdnussflips und in der Bowle ein Skalar, der morgen verkatert sein dürfte. Marcel knutscht mit Petra, weil er denkt, sie ist Maren, und als Maren das merkt, bricht die Hölle aus. Ralf bekommt die Badezimmertür von innen nicht mehr auf und weil ihn wegen des Theaters keiner hört, hat er mit dem Handy die Feuerwehr angerufen. Das ist gut, weil Mario und Carsten gerade beim Absinth-Zelebrieren den Esstisch in Brand gesetzt haben.

Na dann. Auf in den Kampf 2015/16. Kommt gut rein, und tut nichts, was ich nicht auch tun würde.

Und Finger weg von Absinth. 🙂

Alles Liebe, Eure Kitty

Macken

Ein guter Freund von mir hat sich neulich köstlich darüber amüsiert, als ich ihm meinen Testbogen für potenzielle Kandidaten erklärt habe. Also für zukünftige Freunde/Lebensgefährten/mein Mann, wie auch immer frau das nennt. Sobald man nicht mehr im Teeniealter und nicht (mehr) verheiratet ist, finde ich schon die Wortwahl schwierig. Da stehst Du mal wieder im Kleinen Schwarzen auf einer Vernissage neben Frau Merkel oder Herrn Gauck und stellst Deinen Freund vor. Nee. Geht gar nicht.

Aber zurück zum Thema: ich bin da nicht die einzige, die so einen Bogen in der Handtasche hat. Nicht im Kopf, besser ist, man schreibt es auf, dann kann man zwischendurch mal heimlich draufgucken. Nachher vergisst man im Eifer des Gefechtes noch etwas Wesentliches und schon hat man den Salat. Das Leben ist kurz, da muss man irgendwann schon mal einen Plan haben, an den man sich halten kann, sonst küsst man noch Frösche und hat schon Algen am Mund, wenn der Oberbürgermeister zu den Geburtstagen vorbeikommt. Bei uns ab dem 90.

Meine Freundin Anne zum Beispiel, bei der steht an erster Stelle, dass der Typ die Schuhe ausziehen muss. Ihr letzter hatte ausschließlich kaputte Socken . Er fand das praktisch, vor allem im Winter, er hat sich immer die Zehennägel geschnitten und dabei die Socken anbehalten. Eva hingegen wird sich keinen Hundehalter mehr anlachen, nachdem Hektor, die dänische Dogge von Ralf, sich auf ihren Hamster Snoopy gesetzt hat. Er meinte es gar nicht böse, aber trotzdem schön war das nicht. Snoopy hat jetzt ein neues Leben als IPhone-Hülle bei Eva, aber es ist doch schon anders als vorher.

Stefanie hat keine Lust mehr auf Verbandelte, egal, was sie über ihre Beziehung erzählen, seit neulich die Ehefrau von Mike mit einer Schrotflinte im Garten stand, und Sabine verlässt sofort das Lokal, sobald herauskommt, dass die Kinder des Gegenübers jedes 2. Wochenende zu Besuch sind. Ich finde ja, sie stellt sich etwas an nur, weil die 5-jährige von Markus neulich mitten während eines Schäferstündchens ins Schlafzimmer platzte und gebrüllt hat: Mama ist aber viel dünner!!!!! Sabine war schon immer etwas sensibel, aber wat dem een sin uhl, ist halt dem andern sin Nachtigall.

Ingrid nimmt seit dem Vorfall auf der Kreuzung keinen mehr mit Rot-Grün-Blindheit, und Sandra würde nie wieder etwas mit einem Angler anfangen. Erst fand sie es ja ganz romantisch, ihn zu begleiten, aber sie konnten nach diesem einen Freitag die Fliege nur partiell entfernen, so dass sie jetzt ein sehr exotisches Piercing in der Unterlippe trägt.

Jutta kommt kein Peruaner mehr über die Schwelle. Sie hatte letzten Monat gerade die Meerschweinchen in der Wohnung abgestellt, die sie für eine Woche von Jörg zur Pflege übernommen hatte. Bacon und Egg hießen die kleinen Racker. Dann ging sie nochmal kurz zum Einkaufen. Bei ihrer Rückkehr stand Antonio, ihre peruanische Eroberung, in der Küche und strahlte vor Glückseligkeit, weil sie so einfühlsam gewesen war, ihm in der norddeutschen Fremde ein Stück Heimat zu ermöglichen und die Hauptzutat für sein Leibgericht in den Flur zu stellen. Als er sie überschwenglich umarmen wollte, hatte er noch den kleinen, inzwischen nackten Bacon in der linken Hand. Egg war bereits mit Kräutern gefüllt und lag gewürzt auf dem Blech. Jutta muss sich immer noch übergeben, wenn sie ein Meerschwein quieken hört, und Jörg glaubt bis heute, Bacon und Egg seien beide plötzlich und friedlich im Schlaf gestorben. RIP.

Ich selber habe ja, wie erwähnt, auch einige Problemfelder, die beim Date abgearbeitet werden. Neben den üblichen Fragen nach Zeugungsfähigkeit, Unterhaltsverpflichtungen, Religion, Beruf, Seepferdchen, Besitztümern, Einkommen, ehelichen und nichtehelichen Kindern, Haustieren, Musikgeschmack, Abstammung, täglichen Hygienevorkehrungen, Essgewohnheiten und sexuellen Vorlieben, die wichtige Frage nach dem Schnarchen und einer Kontrolle des Gebisses, der Hände und Füße und einem Blick in den Nacken, ob verräterische Locken aus dem Hemdkragen nach oben wuchern, gibt es einen kurzen Abstecher zu meinen Eltern. In der Zeit kann meine Freundin den Ausweis checken, den ich aus der Hosentasche entwendet und auf dem Klo übergeben habe. Das Gesundheitszeugnis darf beim 2. Treffen nachgereicht werden, das würde ich kleinlich finden. Das allerdings findet ausnahmlos bei Madame Folie statt, meiner Wahrsagerin. Da gibt es kein Drumherum, wer kauft denn schon die Katze im Sack.

Mitglieder von Rockerclubs scheiden für mich ebenso grundsätzlich aus wie Priester und Vegetarier. Die sind mir alle zu extrem, da habe ich meine Erfahrungen. Gut, nun ist es zu spät, aber würde mein Bruder nochmal heiraten, würde ich mich nicht erweichen lassen und die Harley müsste VOR der Kirche bleiben. Die Flecken auf dem Teppich vom Einbrennen des Motors im heimischen Wohnzimmer ließen sich auch nicht gut entfernen. Die Sache mit dem Priester, Gott, diese ewige Beterei vor, während und nach egal was, war mir denn doch etwas zu viel, Sabine hat mich nur noch Maria genannt, und was passiert ist, als Mario, der Lacto-Vegetarier, den Blutballen im Kühlschrank vorgefunden hat, das möchte ich hier gar nicht schildern. Nur soviel, es war nicht leicht, ihn in den RTW zu bekommen.

Ich möchte nicht verhehlen, dass ich selber natürlich auch einige Macken habe. Wobei, diese Geschichte mit dem Geflügelfleisch, da kann ich ja eigentlich gar nichts für. Das ist auch erst seit dem Verkehrsunfall so. Der mit diesem Hühnerlaster. Seitdem bekomme ich, sobald ich irgendwo Geflügelfleisch sehe oder rieche, eine Panikattacke und dissoziiere. Aber nur zuhause, bei Freunden, auf der Arbeit, im Restaurant oder draußen. Ich schwöre. Es dauert auch nur solange, bis nichts mehr von dem Trigger in meinem Sicht- oder Geruchsfeld ist, und ich bleibe dabei auch mit meiner Außenwelt verbunden. Wenn ich merke, dass es passiert, pfeife ich auf der Trillerpfeife, die ich stets um den Hals habe, den Rhythmus der Marseillaise, damit meine Begleitung Bescheid weiß. Es waren französische Perlhühner.

Den Micha, den hat es ziemlich genervt, dass ich nur essen kann, wenn ich vorher fünfmal den Tisch umrundet habe. Aber das ist gut für meine Aura, sagt meine Heilpraktikerin. Wer das nicht versteht, ok, der passt sowieso nicht zu uns. Also, mir und Zerberus. Das ist mein Schutzengel, und er bekommt auch immer ein Gedeck. Micha hat das aggressiv gemacht, ich konnte das gar nicht nachvollziehen.

Naja, und dann ist da noch das mit der Nase, aber meine Mutter sagt, das haben alle Glombs und deshalb müsste ich davon auch freiwillig nichts erzählen. Er könne ja schließlich selbst dahinter kommen. Dann ist ja alles gut. 🙂

Ich wünsche Euch einen kuscheligen Abend mit Euren Liebsten,
Eure Kitty

Wildwuchs

In dem Haus, in dem ich wohne, gibt es einen Hausmeister. Oder, genauer gesagt, ein Hausmeisterehepaar, wie in den guten alten Zeiten. Stefanie und Michael Fix, und sie haben auch zwei entzückende Kinder. Den Gordon- Batman und die Shakira-Diana, wenn ich das richtig verstehe, wenn Frau Fix durch das Treppenhaus ruft. Diana, nicht wie die Göttin der Jagd, sondern die Königin der Herzen. Mit langem eeeiiiii und noch längerem âääääääääääää. Wenn es schnell gehen muss, Schacki.

Die Fixens sind für Ordnung im und um‘s Haus zuständig. Während Frau Fix allenthalben das Treppenhaus fegt und auch die Straße, den Müll nach vorne rollt und den Schnee schippt, hat Herr Fix den wirklich stressigen Job. Zu jeder erdenklichen Tages- und Nachtzeit kann man ihn beobachten, wie er Farbtöpfe ins und aus dem Auto lädt, damit weg- oder heranfährt, und trotzdem hat er immer noch ein freundliches Moin über, wenn man ihm dankbar zuwinkt. Wir sind wirklich gut aufgehoben bei den Fixens. Was er mit den Töpfen macht, konnte ich bisher nicht herausfinden, aber das wird schon seine Richtigkeit haben, zumal er auch den ganzen Tag Arbeitskleidung trägt. Außerdem mäht er.

Shakira-Deiäna und Gordon-Batman helfen auch mit; sie tragen zum Beispiel die Familieneinkäufe nach oben, um die Eltern zu entlasten. Die Chipstüte, oder neulich habe ich auch mal gesehen, dass G.-B. eine ganze Colaflasche alleine trug. Ab und zu spielen sie auch Tischtennis unter meinem Balkon. So schön, dass die Jugend nicht nur vor dem Bildschirm sitzt. Außerdem besitze ich inzwischen eine erkleckliche Anzahl an Tischtennisbällen. Sollen sie doch besser aufpassen; wenn sie klingeln, weil mal wieder ein Geschoss auf meinem Balkon gelandet ist, stelle ich mich taub. Mein Kater freut sich immer über neues Spielzeug.

Was ich aber eigentlich erzählen wollte, ist, dass seit einiger Zeit kein Fix mehr zu sehen ist. Erst habe ich mir keine Gedanken gemacht, in so einem großen Haus läuft man sich ja nicht ständig über den Weg, aber inzwischen kommt es mir doch etwas seltsam vor. Es fing damit an, dass die Haustür nicht mehr so richtig aufging. Da lagen mittlerweile drei Ausgaben des Sonntagsblättchens hinter, jeweils in 10facher Ausführung. Habe ich erstmal mit dem Fuß weggeschoben. Alles muss man selber machen. Lotterei.

Richtig misstrauisch bin ich geworden, als heute Morgen ein Eichhörnchen auf meinem Balkon erschien. Es war an der Hortensie hochgeklettert und putzte sich niedlich. Ich muss dazu sagen, dass sich meine Balkonmauer ca. 3,50 m über dem Erdboden befindet. Theo, mein Kater, hat die Gelegenheit genutzt und sich im stage diving – style in die wogenden Grasfelder geworfen. Er liegt immer noch oben drauf und schaukelt im Wind.

Da ich sowieso den Müll wegbringen wollte, bin ich runter in den Garten. Also, dahin, wo mal der Garten war. Meterhohe Gräser schlugen mir entgegen, eine Kriechpflanze ringelte sich um meine Füße, und ich bin mir sicher, einige seltene Orchideen im Dschungel gesehen zu haben. Auf halbem Weg habe ich einen Affen keckern gehört. Ich habe die Mülltonnen dann auch gefunden, nachdem ich mir mit der Axt von Herrn Fix eine Bresche geschlagen hatte. Es war etwas schwierig, weil sich ständig dieser Papagei darauf niederlassen wollte. Den Müll habe ich dann aber doch lieber wieder mit in den Keller genommen, weil es aus der Tonne so komisch knurrte.

Ich vermute einfach, die Fixens streiken. Ich meine, wo doch jetzt alle streiken. Die Erzieher, die Lokführer, die Postboten, die Saftschubsen, und nun sogar noch die Tänzer vom Berliner Staatballett. Da muss man ja schon entweder ein schlechtes Gewissen haben, wenn man einfach weiter ohne jedes Aufmucken den Rasen mäht, oder sich diskriminiert fühlen, weil man nicht mitmachen darf. Wer was auf sich hält, ist schließlich unterbezahlt. Kann man sich doch nicht sagen lassen.

Also, da habe ich wirklich Verständnis. Auch, wenn der Rasenmäher von Herrn Fix eh nur für maximal 5 m² ausgelegt ist, der Garten aber mindestens 400 m² hat. Das wird eine Mähorgie, wenn er das beseitigen muss.

Ich hoffe, dass er bei der Gelegenheit dann auch Maya, die 3-jährige Enkeltochter von den Müllers im 2., wiederfindet. Wie man hört, ist sie seit einigen Wochen im Dickicht verschollen und wird von Wölfen großgezogen.

Ich werde jetzt mal versuchen, Theo auf den Balkon zu locken, bevor ihn die Python findet. Solltet Ihr nicht in spätestens 10 Tagen wieder von mir hören, schickt einen Suchtrupp, mit Machete.

Eure Dschungelkönigin Kitty

Miesepeter Schmoll

Miesepeter Schmoll kann im Grunde gar nichts dafür. In seiner stetig wachsenden Familie wird das Motz-Gen dominant vererbt. Und so ist es auch kein Wunder, dass Stiesel Schmoll und seine Frau Zimtzicke, geborene Zeter, nicht gerade süße, kleine Optimisten in die Welt gesetzt haben.

Wie in jeder anderen Familie auch, sind die Abkömmlinge aber, trotz ähnlicher Chromosomenbasis, alle etwas unterschiedlich.

Während zum Beispiel seine große Schwester Heulsuse permanent den Jammerlappen braucht, die kleine Spaßbremse jede Party sprengt und Pessi-Mist, Cousin mütterlicherseits, bereits den einen oder anderen Weltuntergang vorbereitet hat (er telefoniert viel mit Onkel Nostradamus), geht Miesepeter eher in die Richtung seines Bruders Stimmungskiller Schmoll. Er hat sich auf Vergnügungs- und Veranstaltungssabotage spezialisiert.

Inzwischen haben Forscher die Familie entdeckt und angefangen, sie wissenschaftlich unter die Lupe zu nehmen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich aus der Sache irgendwann mal mächtig Profit schlagen lässt. Bereits jetzt ist es so, dass die Schmolls durch ihr auffälliges und oftmals anstößiges Verhalten erhebliche Aufmerksamkeit sich ziehen. Das könnten sich Militärs in aller Welt zu Nutze machen. Die Entwicklung einer Schmollwaffe könnte ein Geniestreich werden – bei taktisch geschickter Verteilung könnte sie ganze Nationen lahm legen, ohne dass es zu Verletzten kommt. Wenn man von einer Depressionswelle absieht.

Die Aufenthaltsorte der Familienmitglieder sind bekannt. Bei bestimmten Konstellationen wird ein Spezialteam zur Analyse geschickt. Zur Veranschaulichung ein Paradebeispiel: heute hat in unserer Stadt eine große Marathonveranstaltung stattgefunden, die sich wachsender Beliebtheit erfreut und viele Menschen anzieht. Nicht nur aktive Sportler, sondern auch deren Familien, Freunde und andere interessierte Besucher. Damit die Sportler sich angefeuert fühlen und die Massen auch mitbekommen, was los ist, werden die Läufe natürlich kommentiert. Per Mikro. Und DA schlägt Miesepeters Stunde. Dieser Lärm, dieser Krach, diese Menschen, und das zwei Tage lang. Da kann man doch wirklich seinen Fernseher kaum noch verstehen, und können die nicht einfach ohne Krach rennen? Das grenzt an Anwohnermobbing. Dann auch noch diese Straßensperren. Genau 23,72 Meter Umweg zum Bäcker. Eine Zumutung.

Glückes Geschick, muss Miesepeter seit ein paar Jahren nicht mal mehr loslaufen und den Leserbrief beim örtlichen Blatt einwerfen. Alle Schmolls sind große Verfechter von social media, denn so kann man nicht nur in Echtzeit seinen Unmut kundtun, sondern auch gleich noch gegen die Schmollgegner wettern, die sich unweigerlich zu Wort melden. Schlaraffenland.

Je mehr Gegner, umso wohler fühlt sich ein Schmoll; fast schon so etwas wie eine selbsterfüllende Prophezeiung (Probeheizung wäre bei diesem ‚Sommer‘ auch gar nicht schlecht… ups. Ich hoffe, ich habe mir jetzt keinen Meckervirus eingefangen. 😉 ).Er suhlt sich in der Gegenwehr, räkelt sich in der Sonne der Gegenargumente und des Unverständnisses (‚Ja, genauso ist das immer, die Welt ist gemein und keiner versteht mich; aber die werden alle noch ihr blaues Wunder erleben!‘) und fühlt sich wie ein Ritter in rostiger Rüstung, immer bereit, mit seinem schartigen Schwert ein paar zaghaft blühende Blümchen abzuschlagen.

Besagte Forscher haben allerdings herausgefunden, dass dieser Einfluss auch in der Umkehrung funktioniert. Das Ignorieren von Schmollschen Äußerungen, so zeigen erste Versuchsreihen, führt zu einer deutlich messbaren Herabsetzung von freiwerdender negativer Energie. Und der Vermehrungsrate.

Vielleicht sollten wir das mal testen, bevor die Petition gegen das laute Absingen von Kinderliedern bei Bummelaterne-Umzügen rausgeht.

Optimistische Grüße, Eure Kitty

Alter Verwalter….

Ich stelle immer wieder fest, dass es viele, oftmals zu Unrecht in den Köpfen ihrer Mitmenschen felsenfest mit bestimmten Eigenschaften belegte Gruppierungen gibt. Friseurinnen zum Beispiel. Ärzte. Blondinen. Rocker. Massöeurinnen.

Heute möchte ich eine Lanze brechen für eine Berufsgruppe, die vielfach völlig falsch verstanden, zu Unrecht finsterer Machenschaften beschuldigt und in eine ganz gemeine Schublade gesteckt wird. Und zwar für die Makler/Hausverwalter.

Ich habe schon nie verstanden, warum sich angehende Mieter so über die zu berappende, kleine Aufwandsentschädigung in Höhe von zwei Kaltmieten aufgeregt haben. Ich meine, wenn mich jemand zu einer Goldader führt, würde ich ihm doch auch ein Trinkgeld in die Hand geben! Dass der letzte, mit dem ich zu tun hatte, nicht wusste, dass in der Wohnung kein Licht mehr ist und wir sie deshalb im Dunkeln ertasten mussten, auch nicht, ob und welcher Keller dazu gehört, ob Haustiere erlaubt sind, es andere Interessenten oder in der Nähe Garagen gibt, mein Gott, sich darüber aufzuregen, ist ja nun auch wirklich kleinkariert. Der Goldfritze könnte einem vermutlich ja auch nicht genau sagen, ob die Ader bereits von der anderen Seite her angegraben wird, und ob sie 2 cm oder 30 km lang ist. Hätten wir uns in der Geschichte der Menschheit immer so popelig angestellt, dann wären wir nie zum Mars… äh ….ach, egal, jedenfalls wären die Makler heute ausgestorben.

Ich wollte aber eigentlich ganz gezielt etwas zu dieser – wie sagt man eigentlich im Verhältnis zu Makler: Unterspezies? Oder sind sie etwas ganz eigenes? – naja, eben zu Hausverwaltern sagen. Diese Armen sind ja ganz oft verschrien als Abzocker, Eigentümerausgerichtet, unlauter, bedrohlich oder faul. Ich habe da mit ‚meinem‘ Hausverwalter ganz andere Erfahrungen gemacht, und damit auch andere zukünftig vorurteilsfrei auf diese wunderbaren Menschen zugehen können, will ich das mal schildern.

Seinen Namen sage ich lieber nicht. Es ist nämlich jetzt schon so, dass er dermaßen beliebt und umlagert ist, dass es schwierig ist, überhaupt mal Kontakt zu bekommen. Offenbar geht es ihm so ähnlich wie Stars wie Justin, Katie oder Florian: er lässt seine Fanpost von seiner Sekretärin beantworten. Sie ist offenbar sehr qualifiziert und eine ganz tolle Frau, denn, dass muss man ihr lassen, sie schafft es, ihn vor zu viel Fanstalking zu schützen. Es ist zwar manchmal nicht so leicht zu glauben, dass er wieder nicht da ist, aber – sie macht das soooo liebenswürdig und will ihn ja schließlich nur schützen. Der Papst kann ja auch nicht alle Mails beantworten, schon gar nicht selber. Da muss man auch mal Verständnis haben. Jedenfalls benutze ich hier lieber ein Pseudonym, nicht, dass nachher alle von ihm verwaltet werden wollen. Sagen wir mal…Gustav Gans.

Schon bei unserem ersten Termin in meinem neuen Zuhause zeigte sich, dass Herr Gans seinen Beruf als Berufung und mehr als eine Beratung in allen Lebenslagen versteht. Ich war sehr skeptisch, so alleine mit ihm in der Wohnung, die Klischees im Kopf, befürchtend, dass er mich nur als Mittel zum Zweck  sieht, aber es zeigte sich, dass er doch ehrlich interessiert an mir als Mensch war. Er hat gleich einen persönlichen Draht gefunden. So hat er mir, als wir im Badezimmer waren, ganz ohne Standesdünkel erklärt, dass ich doch mal genau hinsehen sollte, die Dusche sei so groß, da könne man auch hervorragend zu zweit drin duschen.

Das hat mir gleich am Anfang das Gefühl von kalter Distanz genommen. Das kann nicht jeder. Als ich dann eigezogen war, stellte ich fest, dass seine Bemühungen sich auch sehr fürsorglich auf ganz andere Bereiche erstreckten. So hat er beispielsweise meine Selbstreflexion enorm gepusht, als ich ihn fragte, warum die von den Vormietern einbehaltene Kaution nicht auch zu Beseitigung der Mängel benutzt worden sei. Ich hätte ja, so sagte er, nicht einziehen müssen. Und da hat er natürlich Recht. Man darf seine eigenen Probleme nicht immer anderen aufhalsen. Und natürlich hätte ich auch gar nicht mit diesen üblen Vormietern sprechen dürfen. Wer freiwillig von Herrn Gans wegzieht, ist ja schon per se bekloppt. Ich habe mich bei ihm entschuldigt, dass wir wirklich dumm von mir, und dass er dabei ein bisschen gebrüllt hat – auf dem Mann lastet ja auch eine enorme Verantwortung.

Als es jetzt im Haus zu einer Sanierung im Dachgeschoss gekommen ist, hat er sich ebenfalls absolut vorbildlich gezeigt. Das fing schon mit den grundsätzlichen Informationen an. Maximal 3 Monate, hat er geschrieben, und die wurden auch ganz exakt eingehalten, bis auf ein paar wenige Tage im Juni. Dezembuar, Februar, Mäprai. Da kann man sich nicht beschweren. Auch, dass es zu keinerlei Belästigungen kommt, hat sich bewahrheitet. Das bisschen Lärm beim Abtragen des Schornsteins und Herabschütten des Schutts über 5 Stockwerke an meinem Fenster vorbei kann man ja wohl kaum als Lärm bezeichnen, verglichen zum Beispiel mit…mit…einem Bombenangriff…so in etwa.

Die Amsel, die zum einen durch die Ostertage beim ersten und dann nochmal durch die Pfingsttage beim zweiten Brüten völlig orientierungslos war, weil eine unnatürliche Stille auf meinem Balkon lastete, war sichtlich erleichtert, als es nach den Feiertagen wieder los ging. Die Küken sind direkt mit Ohrenschützern geschlüpft, total süß! Sogar zur Evolution trägt G.G. bei.

Auch, dass ich täglich saugen, wischen, abstauben musste, war überhaupt nicht belastend, im Gegenteil. Es hat etwas unendlich Befriedigendes, immer gleich einen unmittelbaren Erfolg seiner Taten zu sehen. Die reinste Wellness für die Seele, ohne Mieterhöhung einfach so dazu! Auf dem Wohnzimmertisch habe ich mal einen Tag das Abwischen vergessen und habe am nächsten einen wunderbaren Zen-Garten darauf angelegt, ich musste Sand und Steinchen nur umrahmen und einen Minirechen besorgen. Inzwischen biete ich dort Ralleyfahrten für Modellbauer an. Danke, Herr Gans, dass sich mir diese Marktlücke aufgetan hat!

Der Hinweis, ich könnte mir anhand des eingesetzten Materials etc. ja wohl selber ausrechnen, ob die Arbeiten pünktlich fertig werden, war geradezu väterlich. Man lernt ja nur, wenn man seinen Grips selber anstrengt, nicht dadurch, dass einem jemand Fragen bequem beantwortet.

Zu guter Letzt habe ich mich vor kurzem wirklich unverzeihlich benommen und die Miete gekürzt. Ich weiß nicht, warum. Hormone. Interstellare Verschiebungen. Oder so.

Ich denke, ich werde morgen mit einem riesigen Blumenstrauß – ach was, einem Gutschein für ein Restaurant  oder für ein Ferrari-Wochenende oder dem Ferrari, das sollte es mir wirklich wert sein – zu ihm gehen und mich entschuldigen. Die Miete bringe ich bei der Gelegenheit, plus Zinsen, natürlich in bar vorbei und hoffe, er glaubt meinen Beteuerungen, dass das nie wieder vorkommt. Nur noch ein einziges Mal.

Lasst es nicht soweit kommen, Ihr Lieben. Ihr wisst es ja jetzt besser. Und schreitet ein, wenn mal wieder jemand fiese Sprüche klopft wie: Liegt der Verwalter tot im Keller, war der Mieter wieder schneller. 😉