Lost in space

Zum Greifen nah die Bühne, sie und ich und die Erwartung eingehüllt in Nebel, und wir werden nicht enttäuscht werden.

Das ist so ziemlich das Einzige, was ich weiß, und, dass Erwartung nur bedeuten kann, das Unerwartete zu erwarten, also mehr Neugier ist auf das Feuerwerk, das soeben die Bühne betritt.

Er ist für die nächsten Stunden mein Pilot im Shuttle, und er sieht grad aus wie ein Zirkusdirektor. Aber weder Paillettenpuffärmel noch Lurexhose – deren Reißfestigkeit mir etwas Sorge macht – stören die unglaubliche Präsenz von und mein Vertrauen in Sven Ratzke, im Gegenteil. Und nun ist es auch schon zu spät für Bedenken. We have launched.

Schillernd, rotzig, frech entführt er mich durch die Jahrzehnte, David Bowie ist unser Co-Pilot, und er passt zu Ratzke mindestens genauso gut wie Brecht.

Getrieben von Zeit und Liebe, das sind sie, unsere Raubtiere, und sie treiben uns durch das New York und den Rest der Welt der 70er Jahre und lassen mich in einem kleinen Acid-Wölkchen schweben. Ich fühle mich wohl, denn vor mir, zum Greifen nah, ist dieser große Major in Plateaustiefeln, mir kann nichts passieren, und dann ist da auch noch diese Frau, die sich uns angeschlossen hat, sie ist wunderschön und ihre Zunge ist eine Schlange. Das wundert mich erst am nächsten Tag.

Fast brutal, laut und rockig, witzig und dann wieder ganz leise ist er, und als er völlig versunken Space Oddity singt, möchte ich mit Tränen in den Augen auf die Bühne steigen und ihn umarmen, alleine, so alleine wirkt er plötzlich in diesem Saal voller Leute. Poesie steigt auf und wabert durch den Raum wie eine Seifenblase, plötzlich platzt sie, und es regnet Sternenstaub auf mich herab, fein, glitzernd und duftend nach dem Universum.

1 Milliarde Sterne gibt es, soviele wie Menschen, für jeden einen, sagt Ratzke, und ich fühle mich gleichzeitig geborgen und winzig, verlassen und getröstet.

Sven Ratzke, ein Ausnahmekünstler, der virtuos die Klaviatur des Ausdrucks und der Emotionen bespielen kann und dabei immer authentisch ist. Ich schließe die Augen und denke, jetzt klingt er ein bisschen wie Bowie, nein, jetzt wie Robbie Williams, nein, wie….und ich öffne sie und es ist Sven Ratzke. Natürlich ist er es und niemand sonst, dies ist keine Tributeparty und das ist gut so, denn es wäre schade, wenn er nicht er wäre.

Einzigartig, verwirrend und inspirierend, diese Selbstdarstellung um seiner selbst Willen.

Intellektuell ist das Programm, respektlos und beinahe philosophisch, die Performance macht so unglaublich Lust, weiterzufliegen, scheiß doch drauf, was alles passieren könnte und ich fühle mich wie ein Heroe for one day. Ich möchte jetzt gerne einen Cocktail mit ihm trinken, besser noch einen Absinth, im Viertelmond schaukelnd, zusammen mit David Bowie, Major Tom, Elizabeth Taylor, die Hand in Hand mit Warhol auch soeben eingestiegen ist, und Alexander Geerst. Horst an meinem Tisch, dem er soeben einen Kuss auf den etwas schütteren, ergrauten Scheitel drückt, muss hier bleiben, er ist Astra-Trinker.

Manchmal zickige Diva, manchmal so unglaublich androgyn und dann so männlich, Sven Ratzke gehört der Saal, er swingt, er flirtet, er lacht und schockt und nur seine Hose macht mir noch Gedanken.

Am Ende verlasse ich das Theater leicht verstört, erhaben und bereichert. In dieser Nacht habe ich wilde Träume, von gelben Salamandern, Sven Ratzke nimmt meine Hand in seine starke und wir schlendern durch den Central Park und sind plötzlich im Nichts, ein weißes Loch hat uns verschluckt. Andy Warhol, der schnatternd auf meiner Brust sitzt und mir sagt, ich könne fliegen, ich solle es doch vom Chelsea Hotel aus probieren. Ich wache auf und sehe etwas auf meinem Kopfkissen glitzern. Es ist ein Sternenstäublein.

Danke für einen wunderbaren Abend, #SvenRatzke.

Kitty