Tag 7.

Am 7. Tag meiner positive challenge hat mich schon um 08.00 Uhr jemand so zur Weißglut gebracht, dass ich dachte, ich explodiere, und der Tag hat nicht wirklich dazu beigetragen, meinen Adrenalinspiegel herunter zu leveln. Kurz vor Feierabend habe ich als letzte Amtshandlung den Kopierer mitten im Kopiervorgang einfach ausgemacht, keine Ahnung, was mein Hirn dazu bewegt hat, und dann zuhause versucht, die Haustür mit dem Büroschlüssel aufzuschließen. Hat eine Weile gedauert, bis ich den Irrtum selber aufgeklärt hatte.

Ich werde trotzdem versuchen, noch ein paar verständliche Sätze zu formulieren.

  1. Es hat sich mal wieder bewahrheitet, dass viele Dinge, die man oftmals etwas geringschätzig als Binsenweisheit bezeichnet, durchaus einen wahren Kern haben. Sowas wie ‚Alles hat seine Zeit.‘ und ähnliches, das man von seinen Großmüttern und anderen Vorfahren mit auf den Weg bekommt. Ich werde das zukünftig wieder mehr zu würdigen wissen – und das ist sehr positiv! – , weil Folgendes vorgefallen ist:Meine Mutter hat früher immer gesagt: ‚Kind, sieh zu, dass alles an Dir in Ordnung ist, wenn Du das Haus verlässt. Es kann jederzeit passieren, dass Dir etwas passiert und dann kommst Du ins Krankenhaus und hast Löcher in den Socken. Das bringt Schande über die Familie, also, denk dran!‘ Mahnender Zeigefinger, strenger Blick.Ich habe eine Handtasche, die von der Größe her so ausgelegt ist, dass ich im absoluten Notfall auch mal darin übernachten könnte. Männer sind in der Regel fasziniert, so irgendwas zwischen staunend und schockiert, und man hat mir schon Geld dafür geboten, einmal hineinsehen und ihre Geheimisse ergründen zu dürfen. Das habe ich natürlich abgelehnt. Es waren nur 20 €.

    Heute hatte ich einen Gerichtstermin. Dem Hinweis in der Ladung, ich solle bei meiner zeitlichen Planung einkalkulieren, dass es beim Betreten aufgrund von Personenkontrollen zu Verzögerungen kommen kann, habe ich nicht ganz ernst genommen. Bis ich dann im Foyer stand und feststellte, dass man oder besser gesagt frau den gesamten Inhalt der Handtasche in eine Kiste leeren musste, um dann durch so ein Flughafendings zu schreiten und dann noch von oben bis unten abgescannt zu werden.

    Tja, da war es schon zu spät. In meinem Kopf spulte sich blitzschnell ab, was sich alles in meiner Handtasche befindet, die ich natürlich vorher nicht zensiert hatte. Unter dem interessierten Blick zweier Justizmitarbeiter und einer anfangs kleinen, aber immer größer werdenden Menschentraube hinter mir habe ich dann mit dem Auspacken angefangen. Das hat ein bisschen gedauert. Neben den üblichen Utensilien wie Portemonnaie, Handy, Timer etc. hatte ich eine beachtliche Sammlung verschiedenster Fisherman’s (eines Kioskes ebenbürtig; ‚besser haben als brauchen!‘), eine erkleckliche Anzahl lose herumfliegender weiblicher Hygieneartikel (‚Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste!‘), einen Miniaturgartenzwerg (‚Spare in der Zeit, dann hast Du in der Not!‘), einen Lolli in Form eines pppiiiiieeeeps, den ich irgendeiner Junggesellenabschiedstruppe mal aus lauter Mitleid für einen Euro abgekauft und vergessen habe, ein Pfund Äpfel, ein paar High heels für den Fall des Falles, 12 Lippenstifte, einen Reservekanister und eine Regenkombi samt Helm für’s Motorradfahren dabei. Gut, der Helm war jetzt bisschen geschwindelt. Aber – kein Scherz – einen pinkfarbenen Cutter. Ich kann von Glück sagen, dass man mich nicht direkt überwältigt und abgeführt hat.

    Ich werde nun also wieder verstärkt auf die Stimmen meiner Ahnen hören, die mir just in diesem Moment sagen: ‚Hast die Wahrheit Du erkannt, besiegel‘ das schnell: mit Haselnussbrand!‘

  2. Es ist der letzte Tag der challenge. Deshalb möchte ich gerne noch etwas Nachdenkliches sagen. Auf dem Weg nach Hause habe ich einen älteren Mann gesehen, der auf dem Bürgersteig lief. Sein Rücken war, ich denke, durch eine Erkrankung, so gebeugt, dass sein Körper buchstäblich einen 90 °-Winkel bildete. Es muss unglaublich mühsam sein, seinen Alltag so zu bewältigen. Ich zumindest denke nicht ständig darüber nach, wie das Leben eben auch sein könnte, wenn ich nicht mehr fit, gesund, jung (naja, relativ jung) wäre. Das muss auch nicht sein. Aber ich denke, wir alle sollten dann und wann wenigstens ganz kurz mal inne halten und glücklich darüber sein, dass es uns heute gut geht, denn wir wissen nie, wie es morgen oder eben im Alter sein wird. Jeder Mensch, der uns begegnet, hatte bis dahin sein eigenes Leben und ein Schicksal, von dem wir nichts wissen, und bevor wir oberflächlich urteilen, sollten wir uns dessen bewusst werden, dass wir oftmals nichts über den anderen wissen, auch, wenn wir das glauben.

3. Es regnet.

Ich wünsche Euch einen wunderbaren Abend!

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