Gegendert

Ich will nicht gegendert werden. Herrgottnochmal (oder heißt es Fraugottnochmal, weil ich eine Frau bin?). Ich finde, das nimmt langsam Formen an….

Ja, liebe Kritikerinnen und Kritiker, natürlich ist mir bekannt, dass Gender Mainstreaming weitaus mehr umfasst als die Vorgabe, überall und immer weibliche UND männliche Form von irgendwas, oder am Besten die geschlechtsneutrale zu verwenden. Aber ich will mich hier mal darauf beschränken. Obwohl….da kommen wir/ich/Du/er/sie/es auch ganz schnell Richtung diskriminierungs- und barrierefrei. Und selbstverständlich (bevor gleich die Empörung ausbricht) will ich mit diesem Beitrag nicht die wichtigen Verdienste von Frauen und Männern schmälern, die sich für Gleichberechtigung von wem auch immer eingesetzt haben.

Aber dennoch: wäre ich in den vielen Stunden, die ich damit verbracht habe, Texte unangreifbar zu formulieren, schwimmen gegangen, dann hätte ich jetzt ein Kreuz wie die von Monaco in ihren besten Trainingszeiten.

Mit Grausen erinnere ich mich an eine Broschüre, die ich gestaltet habe, um alle unsere Ausbildungsberufe vorzustellen. Nach der 20. Seite „Unsere Auszubildenden zu Fachinformatikerinnen und Fachinformatikern werden durch unsere versierten Ausbilderinnen und Ausbilder umfassend in das Berufsbild eingewiesen, unterstützt durch die Dozentinnen und Dozenten an den Berufsschulen sowie der/dem jeweiligen Ausbildungsbeauftragten, um später alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter technisch so unterstützen zu können, dass sie den Anforderungen der Kundinnen und Kunden gerecht werden können.“ hatte ich die Schnauzin voll.

Außerdem fing meine Gehirnin an, sich zu verwirren. Ist es denn gendergerecht, z.B. von Eltern zu sprechen? Verzweifelt suchte ich nach der Einzahl, um nicht zum Beispiel verwitwete Väter (heißen Frauen verwitwert?) zu diskriminieren. Und aber geschlechtsneutral zu bleiben. Vielleicht müssen wir langsam auch neue Wörter erfinden.

Was ist, wenn ich von einem Übergang spreche? Der Übergang nach der Ausbildung in ein festes Arbeitsverhältnis zum Beispiel, und ich habe eine Rollstuhlfahrerin/einen Rollstuhlfahrer unter den Auszubildenden, die/der quasi hinüberrollen würde? Ein zu ahndender Fauxpas möglicherweise. Der Rausschmiss. Pranger. Schande über Mutter/Vater/Bruder/Schwägerinnen und Schwager, Cousinen und Cousins, Großmutter, und meine ungeborenen Töchter, Söhne, Transgenderkinder und sonstige Nachfahrinnen und Nachfahren. Gesellschaftliche Ächtung und nachfolgend Verwahrlosung könnten die Folge sein. Mittlerweile saß ich zitternd im Büro und traute mich nicht mehr, ans Telefon zu gehen.

Das Dilemma hört aber auch da nicht auf. Neulich sah ich einen TV-Aufruf. Jemand war aus einer Seniorinnen- und Seniorenwohnanlage verschwunden. Ganz offenbar wurde ein Mann gesucht, der asiatischer Herkunft war. Durchaus ja ein optisches Merkmal, dass die Suche erleichtern könnte. So wie knielange rote Haare zum Beispiel. Verzweifelt suchte der Sprecher nach einer Umschreibung dafür, die political correct, aber auch sachdienlich war. Zum Schluss sagte er: „Wir suchen einen Menschen. Wenn Sie einen gesehen haben, wenden Sie sich an die nächste Polizeidienststelle.“ Und brach in hysterisches Gekicher aus. Er wurde trotzdem gefeuert. „Seniorinnen- und Seniorenwohnanlage“ ist ja nun echt auch nicht tragbar.

Unsere ortsansässige Zeitung stellte meinem Arbeitgeber neulich eine Stellenanzeige in Rechnung. Sie kostete in etwa doppelt so viel wie noch vor einigen Jahren, obwohl nur noch die Essentials und der Hinweis auf die Homepage erwähnt war. Aber „Wir suchen eine Mitarbeiterin/einen Mitarbeiter mit einer Ausbildung zur Bürokauffrau/zum Bürokaufmann, die/der die Ansprüche von Kundinnen und Kunden, die sich in einem nicht sehr frühen Lebensabschnitt befinden, zu bearbeiten hat. Bewerberinnen werden Bewerbern gegenüber bei gleicher Eignung bevorzugt eingestellt. Ebenso werden Bewerberinnen und Bewerber, bei denen ein Grad der Behinderung von mindestens 50 festgestellt wurde oder bei denen derselbe Grad mindestens 30, aber unter 50 beträgt, und die über einen Gleichstellungsbescheid verfügen, bei gleicher Eignung bevorzugt eingestellt.“ kostet eben. Meine Toleranzin zum Beispiel. Ich fühle mich nämlich diskriminiert, wenn hervorgehoben wird, dass ich Anspruch auf bevorzugte Behandlung habe, weil meine Geschlechtsgenossinnen und ich in bestimmten Positionen unterrepräsentiert sind. Aber hört jemandin/jemand darauf? Nee. Das wird ignoriert. Mannohmann. Ach so, `tschuldigung. 🙂

Ich frage mich, wie lange Italien noch in der EU bleiben darf. Dort wird immer die männliche Form verwendet, wenn es um eine Gruppe geht, in der sich nur ein einziger Mann befindet. Also 1000 Frauen, ein Mann, und es heißt „ciao belli“ und nicht „ciao belle e bello“. Der Hammer. Frauen aller Welt, vereinigt Euch – das muss ein Ende haben und solange gibt es keine Pizza mehr. Basta. Gibt es eigentlich schon eine Patin?

Wie dem auch sei, ich mache mir jetzt einen schönen Gurkinnen- und Gurkensalat.

Schönen Abend, Ihr Liebinnen und Lieben, Eure/Deine/Ihre Kitty

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